Wenn ein Kind trotz erkennbarer Bemühungen immer wieder beim Lesen stockt, Buchstaben vertauscht oder beim Schreiben Wörter kaum erkennbar wiedergibt, stellt sich Eltern früher oder später eine wichtige Frage: Handelt es sich um eine vorübergehende Schwäche oder steckt etwas Grundsätzlicheres dahinter? Legasthenie – auch als Lese-Rechtschreib-Störung bezeichnet – ist eine der häufigsten Lernschwierigkeiten im Schulalter. Sie betrifft nicht die Intelligenz eines Kindes, sondern die Art, wie das Gehirn Sprache verarbeitet.
Betroffene Kinder erleben oft früh, dass schulische Anforderungen für sie mit deutlich mehr Aufwand verbunden sind als für Gleichaltrige. Das kann zu Frustration, sinkendem Selbstvertrauen und in der Folge zu einer ablehnenden Haltung gegenüber Schule und Lesen führen. Umso wichtiger ist es, die Anzeichen frühzeitig zu erkennen und geeignete Unterstützung zu finden.
Dieser Ratgeber erklärt, woran Legasthenie erkennbar ist, wie eine professionelle Abklärung in Österreich abläuft und welche Möglichkeiten Schule, Eltern und Betroffene selbst haben, um den Alltag zu erleichtern.
Was ist Legasthenie genau – und was nicht?
Legasthenie ist eine neurologisch bedingte Teilleistungsschwäche, die das Lesen und Schreiben erheblich erschwert. Sie entsteht nicht durch mangelnden Fleiß, fehlende Motivation oder ein schlechtes Elternhaus. Auch niedrige Intelligenz ist keine Ursache – viele hochbegabte Menschen sind legastheniebetroffen.
Das Gehirn von Menschen mit Legasthenie verarbeitet Sprache auf eine etwas andere Weise. Das Umwandeln von Schriftzeichen in Laute – und umgekehrt – funktioniert langsamer oder weniger zuverlässig als bei anderen. Dieser Prozess, die sogenannte phonologische Bewusstheit, ist die Grundlage des Lesens und Schreibens.
Wichtig ist die Abgrenzung zu allgemeinen Rechtschreibschwächen, die häufig durch mangelnde Übung, Unterrichtsausfälle oder andere äußere Faktoren entstehen. Legasthenie besteht unabhängig von diesen Faktoren, bleibt über die Zeit stabil und zeigt ein typisches Fehlerbild.
Woran lässt sich Legasthenie erkennen?
Die Anzeichen können je nach Alter und Schulform unterschiedlich ausgeprägt sein. Im Volksschulalter fallen häufig folgende Muster auf:
- Buchstaben werden verwechselt, gedreht oder vertauscht, etwa b und d, p und q
- Wörter werden beim Lesen erraten statt erlesen
- Die Lesegeschwindigkeit ist deutlich langsamer als bei Gleichaltrigen
- Gelesene Texte werden kaum verstanden, weil die Dekodierung zu viel Kapazität beansprucht
- Beim Schreiben fehlen Buchstaben, werden vertauscht oder durch ähnlich klingende ersetzt
- Das laute Vorlesen ist mit großem Stress verbunden
Bei älteren Kindern und Jugendlichen zeigen sich oft etwas andere Muster, weil viele Betroffene Strategien entwickeln, um die Schwierigkeiten zu verbergen. Häufig auffällig sind dann sehr langsames Lesen, schwer lesbares Schriftbild, Vermeidung von Lese- und Schreibaufgaben sowie anhaltend viele Rechtschreibfehler trotz intensivem Üben.
Auch im Erwachsenenalter kann Legasthenie noch unerkannt sein. Betroffene berichten häufig, dass sie E-Mails mehrfach durchlesen, bevor sie sie abschicken, oder dass Formulare und schriftliche Aufgaben unverhältnismäßig viel Zeit kosten.
Wann sollte man aufmerksam werden?
Nicht jede Leseschwierigkeit im ersten Schuljahr ist ein Hinweis auf Legasthenie – Kinder entwickeln sich unterschiedlich. Aufmerksamkeit ist angebracht, wenn die Schwierigkeiten trotz ausreichender Förderung und Übung über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben und deutlich vom Niveau der Altersgruppe abweichen.
Als Orientierung gilt: Wenn Lese- und Schreibprobleme nach dem zweiten Schuljahr noch klar erkennbar sind und sich trotz Förderung kaum verbessern, lohnt sich eine professionelle Abklärung.
Wie läuft eine Abklärung in Österreich ab?
Eine Legasthenie-Diagnose kann von verschiedenen Fachpersonen gestellt werden, darunter klinische Psychologinnen und Psychologen, Schulpsychologinnen und Schulpsychologen sowie spezialisierte Kinderpsychologinnen und -psychologen. Der Schulpsychologische Dienst, der in Österreich flächendeckend an den Schulstandorten angebunden ist, ist häufig die erste und kostenlose Anlaufstelle.
Die Abklärung umfasst in der Regel standardisierte Lese- und Rechtschreibtests, eine Überprüfung der kognitiven Grundleistungen sowie ein ausführliches Gespräch mit dem Kind und den Eltern. Das Ergebnis gibt nicht nur Auskunft darüber, ob eine Legasthenie vorliegt, sondern auch, wie ausgeprägt sie ist und wo individuelle Stärken liegen.
Der Weg zur Abklärung kann über die Klassenlehrerin oder den Klassenlehrer, die Schulleitung oder direkt über den Schulpsychologischen Dienst der jeweiligen Bildungsdirektion eingeleitet werden. In der Steiermark ist die Bildungsdirektion Steiermark die zuständige Stelle, die entsprechende Anlaufstellen vermitteln kann.
Was kostet eine Diagnose?
Über den schulpsychologischen Dienst ist die Abklärung in Österreich kostenlos. Wer eine private psychologische Praxis aufsucht, muss je nach Anbieter und Aufwand mit Kosten rechnen, die teilweise von der Krankenkasse übernommen werden – das sollte vorab individuell geprüft werden.
Welche schulischen Maßnahmen gibt es in Österreich?
Nach einer anerkannten Diagnose stehen Schülerinnen und Schülern in Österreich verschiedene Unterstützungsmaßnahmen zu. Das Schulunterrichtsgesetz sieht vor, dass bei einer festgestellten Lese-Rechtschreib-Störung bestimmte Erleichterungen im Unterricht und bei Prüfungen möglich sind.
Zu den häufig eingesetzten Maßnahmen gehören:
- Zeitverlängerung bei schriftlichen Arbeiten
- Verzicht auf Benotung der Rechtschreibung in bestimmten Fächern
- Mündliche Prüfungen als Alternative zu schriftlichen
- Verwendung von Hilfsmitteln wie Computern mit Rechtschreibkorrektur
- Individuelle Förderpläne in Absprache mit der Schule
Die genaue Umsetzung hängt von der Schule, der Schulstufe und der Schwere der Beeinträchtigung ab. Es empfiehlt sich, das Gespräch frühzeitig mit der Klassenlehrerin oder dem Klassenlehrer und der Schulleitung zu suchen und die Diagnose schriftlich vorzulegen.
Was gilt bei Schularbeiten und Prüfungen?
Bei Schularbeiten kann auf Antrag der Eltern und nach Vorlage eines Gutachtens eine Differenzierung stattfinden. Das bedeutet nicht, dass das Kind weniger leisten muss, sondern dass die Leistung anders bewertet oder die Rahmenbedingungen angepasst werden. Wie das konkret aussieht, wird in der Regel in Absprache zwischen Schule, Eltern und schulpsychologischem Dienst geregelt.
Wie können Eltern im Alltag helfen?
Neben schulischen Maßnahmen spielt die Unterstützung zu Hause eine wichtige Rolle. Dabei geht es weniger darum, täglich Lesen zu üben, sondern darum, eine positive Haltung gegenüber Sprache und Schrift zu fördern.
Vorlesen – auch wenn das Kind schon lesen kann – hat nachweislich positive Auswirkungen auf Wortschatz und Sprachgefühl. Hörbücher, Hörspiele und Apps, die Texte vorlesen, können zusätzlich helfen. Es ist sinnvoll, Lesen nicht ausschließlich mit schulischen Anforderungen zu verbinden, sondern auch in spielerischen Kontexten anzubieten.
Regelmäßige kurze Leseübungen sind effektiver als lange, erschöpfende Sitzungen. Wichtig ist, dass das Kind dabei Erfolgserlebnisse hat – ein zu schwieriger Text erzeugt nur Frust. Texte sollten so gewählt werden, dass sie gerade noch bewältigbar sind.
Mindestens genauso bedeutsam ist es, das Kind emotional zu stützen. Kinder mit Legasthenie erleben in der Schule oft Misserfolge, die am Selbstbild nagen. Das Betonen von Stärken, das Feiern kleiner Fortschritte und das klare Kommunizieren, dass Legasthenie nichts über Klugheit oder Wert aussagt, sind keine Kleinigkeit – sie sind zentral für die langfristige Entwicklung.
Welche außerschulische Unterstützung gibt es?
Neben dem schulpsychologischen Dienst gibt es in Österreich spezialisierte Einrichtungen und Legasthenie-Therapeutinnen und -Therapeuten, die gezielt mit betroffenen Kindern arbeiten. Legasthenie-Therapie zielt nicht darauf ab, die Störung zu „heilen“, sondern geeignete Strategien zu erarbeiten, die das Lesen und Schreiben erleichtern.
Auch Selbsthilfeorganisationen und Elternverbände können hilfreiche Anlaufstellen sein. Sie bieten Informationen, Vernetzung und oft auch Beratungsgespräche an. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie Österreich ist eine bekannte Anlaufstelle, die Informationen für Eltern, Betroffene und Fachpersonen bereitstellt.
Bei Jugendlichen und Erwachsenen ist es zudem wichtig zu wissen, dass Legasthenie auch in der Berufsausbildung und im Hochschulbereich berücksichtigt werden kann. Österreichische Universitäten und Fachhochschulen bieten auf Antrag und nach Vorlage eines Gutachtens in der Regel Nachteilsausgleiche an, etwa verlängerte Prüfungszeiten oder alternative Prüfungsformate.
Häufige Fragen zum Thema
Kann Legasthenie durch Üben vollständig überwunden werden?
Legasthenie ist eine neurologisch bedingte Verarbeitungsstörung und verschwindet nicht einfach durch mehr Üben. Mit gezielter Förderung und den richtigen Strategien können Betroffene jedoch deutliche Fortschritte machen und im Alltag gut zurechtkommen. Viele Menschen mit Legasthenie führen erfolgreiche Berufs- und Schulkarrieren – oft gerade weil sie früh gelernt haben, mit ihrer Besonderheit umzugehen.
Ab welchem Alter kann Legasthenie diagnostiziert werden?
Eine gesicherte Diagnose ist in der Regel ab dem zweiten Schuljahr möglich, wenn ausreichend Unterricht in Lesen und Schreiben stattgefunden hat. Frühere Hinweise – etwa Schwierigkeiten mit Reimen, Silben oder dem Merken von Buchstaben – können bereits im Kindergartenalter auf ein erhöhtes Risiko hinweisen, rechtfertigen aber noch keine förmliche Diagnose.
Müssen Eltern die Schule über eine Legasthenie-Diagnose informieren?
Es besteht keine gesetzliche Pflicht, die Schule über eine Diagnose zu informieren. Allerdings ist es in der Praxis notwendig, das Gutachten vorzulegen, wenn das Kind schulische Unterstützungsmaßnahmen oder Nachteilsausgleiche in Anspruch nehmen soll. Ohne Vorlage eines Befundes können Schulen in der Regel keine offiziellen Anpassungen vornehmen.
Ist Legasthenie dasselbe wie Dyskalkulie?
Nein. Legasthenie betrifft das Lesen und Schreiben, während Dyskalkulie eine Schwäche im Zahlen- und Rechenbereich beschreibt. Beide sind Teilleistungsstörungen mit ähnlichen neuropsychologischen Grundlagen, treten aber unabhängig voneinander auf – können jedoch auch gemeinsam vorkommen.
Gibt es technische Hilfsmittel, die betroffenen Kindern helfen?
Ja. Verschiedene digitale Werkzeuge können den Alltag erleichtern, darunter Vorlesefunktionen in Textverarbeitungsprogrammen, Apps zur Sprachausgabe, Rechtschreibkorrektur-Tools und spezielle Schriftarten, die für Menschen mit Legasthenie besser lesbar sein sollen. Welche Hilfsmittel im schulischen Kontext eingesetzt werden dürfen, sollte mit der Schule abgestimmt werden.
Was können Lehrpersonen tun, um betroffene Schülerinnen und Schüler zu unterstützen?
Lehrpersonen können viel bewirken, indem sie mündliche Leistungen stärker gewichten, beim lauten Vorlesen keine Peinlichkeiten entstehen lassen, klare und gut strukturierte Aufgaben stellen und ein positives Klassenklima fördern. Fortbildungen zum Thema Legasthenie sind in Österreich über die Pädagogischen Hochschulen zugänglich und helfen Lehrpersonen, gezielte und hilfreiche Maßnahmen im Unterricht einzusetzen.





